1926-2016 / 90 Jahre Reit- und Fahrverein Milte-Sassenberg e.V.

Ländliche Reiterei mit olympischem Glanz

Die 1931 gewonnene Kreisstandarte ist auch heute noch bei feierlichen Anlässen in Gebrauch.

Hohes Sportniveau: Hier überwindet 1931Vereinsmitglied Heinrich Lütke-Bexten mit seinem Pferd ein Hindernis von 1,80 Metern.

Das Osterwochenende im Jahr 1926 fiel auf Anfang April. Exakt in diesen Tagen wurde der Reit- und Fahrverein Milte-Sassenberg gegründet, der damit heute auf sein 90-jähriges Jubiläum blicken kann.

Die Vereinsgründung Mitte der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts kam nicht von ungefähr. Überall in Westfalen und anderen ländlichen Regionen Deutschlands wurden zu dieser Zeit Reitvereine gegründet. Der Grund: Der geniale Hippologe Gustav Rau hatte eine ebenso geniale Idee entwickelt, wie man den drastischen Rückgängen in der Pferdezucht entgegnen konnte. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, als die deutsche Armee von etlichen Millionen Soldaten auf ein Hunderttausend-Man-Heer reduziert wurde, fiel das Militär praktisch über Nacht als Massenaufkäufer junger Pferde aus. Hinzu kam die einsetzende Motorisierung und Mechanisierung in Verkehr und Landwirtschaft, die den Absatz von Pferden reduzierte. Rau hatte einfache Lösung für das Problem der Pferdezüchter, die damals fast ausschließlich noch Bauern waren: Was braucht man, wenn man Reitsport betreiben will? Pferde. Also propagierte er landauf und landab die Gründung von Reitvereinen und begeisterte besonders die Kinder der Bauernfamilien für den Pferdesport. Rau entfachte so den ersten Reitsportboom in Deutschland.

Auch in Milte scharte der pferdebegeisterte Landwirt Heinrich Schulze Heuling Gleichgesinnte um sich und man gründete zu Ostern 1926 einen Verein. Kurios dabei und heute undenkbar: Einen richtigen Vorstand und einen Vorsitzenden wählte man noch nicht, da man erst mehr Mitglieder gewinnen wollte. Dies geschah erst 1930. Schon ein Jahr später machte der Verein sportlich von sich Reden, als seine Mitglieder die Kreisreiterstandarte gewinnen konnten, die auch heuten noch bei feierlichen Anlässen genutzt wird. Seinen endgültigen Standort fand der Verein erst recht spät Ende der 60er Jahre auf dem Hof Schmiehusen in Milte. 1973 wurde dort eine erste Reithalle eingeweiht, der bereits 1983 die zweite Halle folgte. Zwei Jahre zuvor hatte der Verein bereits die Westfälischen Meisterschaften für die Nachwuchsvielseitigkeitsreiter ausgerichtet. Auch als Gastgeber des Provinzialturniers 1983 wurde der Verein in ganz Westfalen bekannt. Über olympischen Ruhm konnte sich der Verein 1996 freuen, als die US-Amerikanerin Michelle Gibson, die mehrere Jahre in Milte lebte und für den Verein startete, mit ihrem Team bei den Olympischen Spielen in Atlanta die Mannschafts-Bronzemedaille gewann.

Heute verfügt der Verein über 420 Mitglieder, von denen etwa 100 aktiv an Turnieren teilnehmen. Da viele aus Milte kommen oder hier wohnen, ist der Verein fest im Leben des Dorfes verwurzelt. Höhepunkte des Vereinslebens sind die viertägigen Milter Reitertage im Juni, zu denen oft mehr als 1.000 Pferde genannt sind, oder die Ausrichtung des Fettmarktturniers Mitte Oktober auf dem Lohwall in Warendorf. Ein weiterer Pluspunkt des Vereins ist, dass die Reitanlage unmittelbar an eines der schönsten Ausreit-Gelände im gesamten Kreis angrenzt.

Das in Milte die Uhren noch etwas anders ticken als in der heute so hektischen Zeit, zeigt vielleicht der Umstand, dass in den 47 Jahren seit 1969 mit Bernhard Wennemar, Heinz-Wilhelm Reckhorn und aktuell Clemens Brüggemann der Verein lediglich drei Vorsitzende gesehen hat.

 

Eine kuriose Begebenheit aus der Vereinschronik beschrieb Henning Weinfelder in einer Ausgabe der „Glocke“ aus dem Jahr 1982, die hier etwas verkürzt wiedergegeben ist:

Zwei Rocker und ein schönes Fest in Milte

Milte. In Milte war mal wieder Fuchjagdball. Es war sehr schön wie immer und jene, die bis zum Hahnenschrei ausharren wollten, kamen voll auf ihre Kosten. Bis auf zwei Rocker, die sich beim Ausklang dieses Fuchsjagdfestes etwas Abwechslung versprochen hatten. Keiner kannte die beiden. Sie kamen, wie man so schön sagt von „auswärts“. Sie stänkerten hier und da, pöbelten, randalierten und schmissen Gläser um. Sie waren sich ihrer offensichtlichen Stärke voll bewusst und niemand wollte sich mit ihnen anlegen. Als die beide auswärtigen Rocker aber eine junge Dame aus Milte brutal vom Hocker stießen, war es mit der Gemütlichkeit aus. Zwei Landwirte aus Milte, kernig, deftig, wortkarg, jeder für sich so schätzungsweise ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel, wurden sich ihres Beschützerinstinktes bewusst und schritten zur Tat. Sie standen gaaaanz langsam auf, wie das in Milte meistens praktiziert wird, und dann gingen sie gaaaanz langsam auf die beiden Rocker zu, die kampfeslustig ihre Muskeln spielen ließen. Aber dann, es muss wohl nur Sekunden gedauert haben, hatten die beiden Milter Landwirte, kernig, deftig und vor allem wortkarg, die beiden Früchtchen von auswärts in die Mangel oder besser gesagt in den Schwitzkasten genommen. Also, wie soll man´s schreiben? Die beiden Rocker haben richtig Dresche gekriegt. Von zwei Landwirten aus Milte, von denen einer schon lange keine Haare mehr auf dem Kopf hatte. Und dann haben sich die beiden Landwirte wider hingesetzt; gaaaanz langsam. Morgens um vier soll man´s ja ruhig angehen lassen, denn meistens ist der Tag noch lang.

Die Milter Reitertage sind nach den Bundeschampionaten das größte Turnier im Kreisgebiet.

An die 100 Mitglieder sind an den Turniertagen ehrenamtlich im Einsatz

Selbst internationale Top-Reiter wie Toni Hassmann (Mitte) kommen gerne zum Turnier nach Milte.

Für den Frühjahrsputz, der traditionell am Karfreitag stattfindet, fanden sich in diesem Jahr trotz Dauerregens rund 40 Mitglieder ein.

Text und Bilder: Thomas Hartwig